Home Film “Dream Scenario” – unterhaltsame, schwarzhumorige Kritik unserer Medienlandschaft

“Dream Scenario” – unterhaltsame, schwarzhumorige Kritik unserer Medienlandschaft

Autor: Mick

"Dream Scenario" Filmplakat (© DCM)

Dream Scenario

Darsteller: Nicolas Cage, Lily Bird, Paula Boudreau, Tim Meadows
Regie: Kristoffer Borgli
Dauer: 102 Minuten
FSK: freigegeben ab 12 Jahren
Website: dcmstories.com/movie/dream-scenario
Facebook: facebook.com/dcmstories
Kinostart: 21. März 2024


Der Norweger Kristoffer Borgli ließ schon mit dem skurrilen Humor seines Spielfilmdebüts „Sick of Myself“ (2022) aufhorchen, in dem er auf erfrischende Weise die Abgründe unserer heutigen Medienlandschaft sezierte. Für sein zweites Werk „Dream Scenario“ hat er sich jetzt unter anderem mit dem Schweden Ari Aster („Beau Is Afraid“, „Hereditary“) als Koproduzenten prominente Verstärkung mit ins Boot geholt, der mit dunkler Seele in seinen Filmen selbst für reichlich Verstörung gesorgt hat. Leichte Kost ist also nicht zu erwarten, wenn sich hier zwei der bissigsten, am kontroversesten diskutierten Filmemacher der Gegenwart zu einem gemeinsamen Projekt zusammentun.

Äußerst übernatürlich geht es auch schon los, als die kleine Sophie (Lily Bird) ein unglaubliches Schicksal ereilt, während ihr Vater Paul (Nicolas Cage) nahezu teilnahmslos danebensteht. Wie wir gleich erfahren, handelt es sich dabei Gott sei Dank nur um ihren Traum, das erste Spiel mit unseren Nerven aber hat schon mal funktioniert. Und es soll nicht das letzte Mal bleiben, dass Paul als unbeteiligter Zuschauer in teilweise spektakulären Träumen von Tausenden von Menschen auftaucht. Dabei führt der eigentlich das zurückgezogene Leben eines Vorzeige-Langweilers, hat als College-Dozent für Evolutionsbiologie mit Familie und Eigenheim allenfalls noch Ambitionen zum Schreiben eines Buches und lässt sich selbst dabei den letzten Wind aus den Segeln nehmen, als ihm seine ambitioniertere Freundin Sheila (Paula Boudreau) das zugrundeliegende Forschungsthema streitig macht. Wie also kann es sein, dass der weitestgehend belanglose Mittfünfziger mit Halbglatze plötzlich eine derart große Rolle im Leben wildfremder Leute spielt?

Eine Frage, die Regisseur Borgli in Bezug auf die noch nicht allzu weit fortgeschrittene Traumforschung sich nicht nur Paul selbst stellen lässt. Was als einigermaßen erwiesen gilt, nämlich die Verarbeitung von Erlebnissen und Organisation des Gedächtnisses während des Traums, mag bei Tochter Sophie ja noch plausibel sein. Als er aber auch auf der Straße von komplett Fremden erkannt wird, schließt Wissenschaftler Paul das als Erklärung jedenfalls aus. Den Gedanken jedoch will Borgli in seiner Geschichte gar nicht weiterverfolgen, geht es ihm bei seinem anregenden Gedankenspiel doch viel mehr um die Konsequenzen eines abstrusen Phänomens, das bei aller Abwegigkeit zumindest möglich erscheint.

"Dream Scenario" Szenenbild (© A24)

(© A24)

Plötzlich nämlich sind Pauls Vorlesungen voll, wird er von Menschen angesprochen, die ihn sonst keines Blickes würdigen würden und erlangt er dank Social Media schnell einen ungeheuren Bekanntheitsgrad – für Paul ein „Traumszenario“ in bester Doppeldeutigkeit. Aus dem Niemand wird nahezu über Nacht eine coole, gefeierte Berühmtheit, von dessen Popularität gerne jeder etwas abhaben möchte. Ein Thema, das der Regisseur schon in seinem Erstling schwarzhumorig verarbeitet hat, und das auch hier wieder mit einem abwechselnd herrlich zurückgenommen spielenden oder durch wilde Träume marodierenden Nicolas Cage in Bestform schwer zu denken gibt. Denn natürlich genießt der zurückhaltende Paul seine unvermittelte Starrolle, ist auf dem Weg zum Gesicht einer Werbekampagne und gerät sogar in eine durch ein Traumerlebnis mit ihm getriggerte eindeutige Situation mit einer Frau, die dann allerdings eher peinlich endet.

Doch genauso rasant wie der Aufstieg erfolgt dann auch sein Absturz, als die Träume immer gewalttätiger werden, in denen Paul auch noch vermehrt seine passive Rolle aufgibt und zum aggressiven Mörder mutiert. Das negative Image ist aufgebaut, alle wenden sich schlagartig von ihm ab und natürlich ist auch der lukrative Werbedeal futsch. Letztendlich ruft sein Name nur noch Abscheu hervor, wird er an der Uni gemobbt und zieht der gewaltige Shitstorm auch an seiner Familie nicht vorbei.

Es sind die gegensätzlichen Extreme, die Regisseur Borgli hier auf die Spitze treibt. Das verfehlt seine Wirkung nicht, sind die Verlockungen des unbegründeten Ruhms, den erst das Medienverhalten der Gesellschaft möglich macht, ebenso nachvollziehbar wie die Cancel-Culture nach den abstoßenden Träumen. Die jedenfalls lassen deutlich die Handschrift Ari Asters erkennen und bieten dem fantasievollen Borgli alle Möglichkeiten, sich kindisch auszutoben und uns mit allerlei surrealen Szenen, denen man seine diebische Freude dabei in jeder Sekunde ansieht, zu amüsieren. Was er aber bei allem Spaß nie aus dem Blick verliert, ist wieder einmal eine ernste Auseinandersetzung mit dem Thema Mediennutzung und deren Folgen, welche, Traumszenario hin oder her, realistischer kaum geführt werden könnte.

Trailer:

Bewertung: 8 von 10 Punkten

 

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