Home Film„Von Scham und Geld“ – bewegende Gesellschaftsstudie über finanzielle Abhängigkeiten im Kosovo

„Von Scham und Geld“ – bewegende Gesellschaftsstudie über finanzielle Abhängigkeiten im Kosovo

Autor: Mick

"Von Scham und Geld" Filmplakat (© Janis Mazuch, eksystent Filmverleih)

Von Scham und Geld

Darsteller: Astrit Kabashi, Flonja Kodheli, Alban Ukaj, Rebeka Qena
Regie: Visar Morina
Dauer: 129 Minuten
FSK: freigegeben ab 12 Jahren
Website: www.eksystent.com/von-scham-und-geld.html
Facebook: facebook.com/EksystentDistribution
Instagram: instagram.com/eksystent_filmverleih
Kinostart: 24. September 2026


Der gebürtige Kosovare Visar Morina kam mit 15 Jahren nach Deutschland und verarbeitet in seinen Filmen von Anfang an seine eigene Migrationsgeschichte. War es in seinem Regiedebüt „Babai“ (2015) noch das Fluchtszenario eines Jungen aus dem Kosovo nach Deutschland noch vor dem Jugoslawien-Krieg der 90er Jahre, so schilderte er dann im gefeierten Nachfolger „Exil“ (2020) bedrückend das Schicksal eines kosovarischen Migranten in Deutschland zwischen dessen Paranoia und latenter Diskriminierung. Seinen dritten Spielfilm „Von Scham und Geld“ siedelt er nun ganz im Kosovo an und präsentiert uns darin eindrucksvoll die aktuelle Lage in der knallhart turbokapitalistischen Gesellschaft des jungen Balkanstaates.

Als Beispiel dient ihm sein Protagonist Shaban (Astrit Kabashi), der mit seiner Großfamilie und einem kleinen Milchbetrieb in der kosovarischen Pampa ein bescheidenes Leben stets haarscharf an der Existenzgrenze führt. Das Geld ist immer knapp, da können sie es gar nicht gebrauchen, dass Bruder Liridons Umgang damit reichlich luftig ausfällt. Irgendwann eskaliert der innerfamiliäre Konflikt, und über Nacht sind sowohl der nichtsnutzige Bruder – er ist nach Deutschland, heißt es – als auch mit dem kompletten Milchvieh die Lebensgrundlage verschwunden.

Und plötzlich sind wir im lauten Trubel der Hauptstadt Pristina, wo Shaban mit seiner Frau Hatixhe (Flonji Kodheli), seinen drei kleinen Töchtern und Oma Nana jetzt einen Neuanfang sucht. Was mit dem Rest der Familie geschieht, erfahren wir nicht, viel Eigenkapital jedenfalls bringen die sechs nicht mit, da fühlen sich die 2 Euro Bearbeitungsgebühr der Bank bei der Auszahlung von Omas schmaler Rente schon mal wie übler Wucher an. Also ist Hatixhes Schwester die erste Anlaufstation, die in Alban (Alban Ukaj) einen wohlhabenden Geschäftsmann geheiratet hat und mit ihm in einem schicken Haus wohnt.

Für kosovarische Verhältnisse hat sie es damit als Mädchen vom Lande wohl geschafft, erhält von Alban regelmäßig ein bescheidenes Taschengeld und kümmert sich zuhause um den pflegebedürftigen Schwiegervater, während ihr Mann seinen zwielichtigen Geschäften nachgeht. Immerhin kommt ihre hilfebedürftige Familie im Schuppen von dessen Nachtclub unter, und für Shaban fällt auch noch unbürokratisch ein Job als Putzhilfe im Club ab. Was er da verdient, erfährt er bis zum Erhalt seines ersten Hungerlohns nicht, zu sehr fühlt er sich gegenüber dem Schwager in der Pflicht, der ihn dementsprechend auch zu jeder Gelegenheit deutlich die Rollenverteilung von Bittsteller und Wohltäter spüren lässt.

"Von Scham und Geld" Szenenbild (© Janis Mazuch, eksystent Filmverleih)

(© Janis Mazuch, eksystent Filmverleih)

Mit der finanziellen Abhängigkeit aber wächst auch der Unmut, der sich bei jeder Nahaufnahme in Shabans Gesicht spiegelt, wenn er seiner Familie im kleinen Kabuff ein geregeltes Leben zu ermöglichen versucht. Sein Verdienst im Club allerdings ist für ein Auskommen eindeutig zu wenig, und so finden wir ihn bald nicht nur bei der Armenspeisung sondern auch in der Meute verzweifelter Tagelöhner wieder, die sich auf der Straße um die wenigen angebotenen Jobs reißen. Und als wäre das noch nicht erniedrigend genug, bittet ihn Alban auch noch mit 20 Euro Almosen, seine Jobsuche auf der Straße einzustellen, die Familie habe ja schließlich einen Ruf zu verlieren.

Eindrücklich führt uns Regisseur Morina hier in die ökonomischen Abgründe der sich rasant entwickelnden, kapitalistischen Gesellschaft seines Geburtslandes, in der Ansehen und Würde einzig in Geldbeträgen zu messen sind und staatliche Absicherung allenfalls als utopischer Traum existiert. Sein Shaban kämpft nach dem Verlust seiner Existenz verzweifelt um beides, droht dabei auch psychisch gewaltig unter die Räder der ökonomischen Abhängigkeiten zu geraten und kann sich erst leidlich aus seiner prekären Lage befreien, als er beim Wachschutz einer Gated Community selbst einen moralisch fragwürdigen Job annimmt.

Das ist von allen überzeugend gespielt und lässt uns die Atmosphäre der knallharten kosovarischen Umstände hautnah spüren, auch wenn besonders Shabans kleine Mädels angesichts der Notlage doch immer ein wenig zu herausgeputzt wirken. Und obwohl uns über die gesamte Zeit der Gedanke nicht loslässt, was mit dem Bauernhof auf dem Land passiert ist, gelingt Morina mit Shabans mühevollem Kampf um das Zurechtfinden in einem völlig entfremdeten Umfeld ein fein beobachtetes, nachdenklich stimmendes Gesellschaftsdrama.

Trailer:

Bewertung: 7 von 10 Punkten

 

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