CTS-MUM
PRAGA KHAN (08/00)


Stell dir vor, du bist deine eigene Vorband. Der Belgier Maurice Engelen alias Praga Khan kennt sich hiermit aus, hat er doch mit Lords Of Acid und Praga Khan gleich zwei Projekte, auf die er sich konzentriert, und deren Auftritte - man denkt ja praktisch - er manchmal verbindet. Alleine musiziert der Sohn eines Nobelpreisträgers für Mathematik und Astrophysik nicht vor sich hin. Oliver Adams ist der gleichberechtigte Partner bei beiden Projekten, und seit 1990 werkeln sie gemeinsam. "Mutant Funk" heißt das neue Praga Khan-Album, das etwas anders klingt als der Vorgänger "Twenty First Century Skin". Spannende, abwechslungsreiche und intelligente elektronische Tanzmusik ist es geblieben, die man geboten bekommt. Weiblichen Gesang, früher ein Bestandteil, sucht man vergebens. Über die Veränderungen und vieles mehr sprachen wir mit Maurice.


MUM: Wo siehst du Unterschiede zu "Twenty First Century Skin"?

PG: Wir haben mehr Zeit investiert, um den Gesang aufzunehmen, der auch viel melodischer geworden ist. Wir haben einige Gitarren, wie die funkigen welchen, anders benutzt, indem wir sie durch diverse Effekte gejagt haben. Darum heißt das Album auch "Mutant Funk", eben wie eine mutierte funky Gitarre. Außerdem haben wir mit "Sayonara Greetings" eine akustischen Song auf dem Album. Das sind die größten Unterschiede.

MUM: Hast du Favoriten auf dem Album?

PG: Ja, zwei. "The Power Of The Flower" ist der eine, weil er eine gute Kombination aus Techno in den Strophen und eher 80er-Jahre-Stil im Refrain ist, was gut zusammen passt. Und "Sayonara Greetings", den ich unter anderem auch mag, weil er eher ein traditioneller Rocksong ist. In Belgien haben wir etwas gemacht, was schön war, weil die meisten Leute denken, dass wir nur mit Computern arbeiten können. Wir haben ein sehr gutes Unplugged-Konzert für Studio Brussels gespielt, sechs Songs waren das, und alle waren begeistert, dass wir unsere eigentlich ja elektronischen Songs live völlig anders interpretieren können.

MUM: Gibt es Pläne, dieses Material zu veröffentlichen?

PG: Nein, aber bei Studio Brussels haben sie viel Post bekommen, in der gefragt wurde, ob man die Songs irgendwie nach Hause bestellen könnte, oder ob man sie noch einmal ausstrahlen würde. Es gab auch Anfragen von Radiostationen anderer Länder, das senden zu können.

MUM: Vielleicht wäre das ja auch was als Bonustracks eurer Maxi-CDs.

PG: Ja, das wäre schön.

MUM: Wie sieht es mit Auskopplungen aus?

PG: "The Power Of The Flower" erscheint in Deutschland jetzt, in Belgien wurde der Song aber bereits Ende Mai veröffentlicht. Er landete sogar in den Charts, was uns gefreut hat. Das Album ist auch sehr gut gelaufen, wir kamen bis auf Platz 2 der Charts damit, und nur Barry White war noch vor uns. Wir sind natürlich sehr zufrieden damit.

MUM: Wann kommt das Album hier raus?

PG: Am 28. August. Nächste Woche fliegen wir nach Amerika um noch eine kleine Tour zu spielen. Wir waren bereits im Februar und März dort, wo wir 32 Konzerte gegeben haben, von denen alle ausverkauft waren bis auf Boston, wo gerade ein furchtbarer Schneesturm tobte. Weil wir im Frühjahr in Amerika so einen Erfolg hatten, kehren wir jetzt noch für diese kleine dreiwöchige Tour zurück. Dann kommen wir zurück nach Deutschland, um zwei Festivals zu spielen, Bizarre und Kickzone. Danach wird dann gleich das Album veröffentlicht.

MUM: Ihr arbeitet ja auch gerade am neuen Lords Of Acid-Album.

PG: Jetzt schon noch, ja. Für Oktober und November ist eine Tour festgemacht, und wir führen gerade Gespräche mit Marilyn Manson, um mit ihm zusammen in Amerika zu spielen. Deshalb wollen wir das Album so schnell wie möglich fertig bekommen, bevor wir rüber fliegen.

MUM: Mögt ihr Marilyn Manson?

PG: Ich denke, er mag uns mehr als wir ihn.

MUM: Als Typ oder die Musik?

PG: Die Musik. Er fragt uns oft, ob wir mit ihm auf Tour gehen wollen, also denke ich mal, dass er unsere Musik mag.

MUM: Wenn ihr auf Praga Khan-Tour seid, dann spielt ihr aber keine Lords Of Acid-Stücke, oder?

PG: Nein, das machen wir nicht. Das letzte Mal, wo wir in den Staaten waren, da sind wir in Kombination mit Lords Of Acid aufgetreten. Das war gut, weil alle, die für Praga Khan gekommen waren, auch die Lords gehört haben, und umgekehrt. Beide Shows schienen zu gefallen, das war schön für uns.

MUM: Ihr habt keinen weiblichen Gesang mehr auf dem Album.

PG: Ja, ich fand, dass die Musik, die wir jetzt machen, irgendwie männlich klingt.

MUM: Im Booklet wird Ester aber als Sängerin genannt.

PG: Ja, sie ist bei den Livekonzerten dabei und singt die älteren Stücke mit, außerdem tanzt sie.

MUM: Machst du alles mit Oliver gemeinsam oder hast du mehr Anteil an Praga Khan-Sachen?

PG: Wir machen das meiste zusammen. Er hat sein Studio, ich habe meines. Wenn wir anfangen, an einem neuen Album zu arbeiten, dann erst einmal jeder für sich. Dadurch, dass unsere Studios aber voll kompatibel sind, können wir dann immer einfach mit einer Diskette oder was auch immer zu dem anderen gehen und dann zusammen an den Songs weiterarbeiten ab einem bestimmten Moment, den jeder Song erreicht. Spätestens, wenn Rhythmus, Bass und die meisten Melodien existieren, dann setzen wir uns zusammen und arbeiten an den Gesangslinien, arrangieren den Song und mixen ihn.

MUM: Wisst ihr denn immer von Anfang an, ob ein Stück, an dem ihr arbeitet, für Praga Khan oder Lords Of Acid ist?

PG: Ja, weil es doch einige musikalische und textliche Unterschiede zwischen den Projekten gibt. Wenn wir an einem Lords Of Acid-Album arbeiten, dann konzentrieren wir uns darauf, dass wir es mit anderen Inhalten und einem anderen Publikum zu tun haben. Man findet dort dann eher langsame Grooves, weil sie ein Gefühl vermitteln, das mehr sexy ist. Bei Praga Khan hat man es mehr mit schnelleren Sachen zu tun, mit mehr Techno.

MUM: Auf dem Album gibt es aber auch einen ruhigeren Track, den ich sehr mag, "Dreamcatcher".

PG: Ja, das ist ein träumerischer Song. Was die wenigsten wissen, ist dass der Grundton dieses Tracks eine Radiofrequenz ist, die durch Samplers und Effekte wie ein Scratch klingt.

MUM: Benutzt du deinen ARP 2600 noch?

PG: Ja, tue ich. Den habe ich von The Klinik. Ich war gerade vor einigen Tagen im Netz und habe in einer Suchmaschine nach Praga Khan gesucht. Als Ergebnis bekam ich auch eine Seite über den ARP 2600, und ich dachte: "Was macht diese Seite denn hier?". Ich habe also die Seite aufgerufen und dort gab es einen Abschnitt, der Leute nannte, die immer noch mit dem Gerät arbeiten, und da stand ich auch drauf.

MUM: Legst du eigentlich immer noch als DJ auf?

PG: Nein, damit habe ich aufgehört, weil ich zuviele andere Sachen um die Ohren habe. Wenn du richtig an Praga Khan arbeitest, dann nimmt dich das rund um die Uhr in Anspruch, und wir haben ja nun sogar zwei Bands.

MUM: Du warst ja auch an einer Plattenfirma beteiligt.

PG: Ja, aber auch damit habe ich aufgehört. Ich wollte mich auf die beiden Musik-Karrieren konzentrieren.

MUM: Sind es denn nur zwei, oder hast du auch noch andere Projekte am Start?

PG: Nein, es sind nur die zwei, da gibt es momentan nichts anderes.

MUM: Macht ihr auch keine Soundtracks mehr?

PG: Wir haben dieses Jahr zwei gemacht. Den neuen Walt Disney "Dinosaurs", den teuersten Film, den sie je gemacht haben, und "Dogma".

MUM: Siehst du Unterschiede im Publikum zwischen den Staaten und Europa?

PG: In Amerika putzen sich die Leute richtig raus, wenn sie zu Konzerten gehen, das ist hier nicht so. In den Staaten kannst du dir noch so eine Mühe geben, du schaffst es aber nicht, das Outfit der Fans zu toppen. Die geben sich alle Mühe, so gut oder verrückt wie möglich auszusehen.

MUM: Spielt ihr lieber in Amerika oder in Europa?

PG: Das Gute an Amerika ist, dass die Leute zu den Konzerten kommen, um einfach Spaß zu haben, das ist für den Künstler prima. Die Leute wollen sich einfach amüsieren, und so legt man auch eine bessere Show hin als meinetwegen in Belgien, Deutschland kennen wir noch nicht so recht. Wenn du mit Bands auf Festivals oder so sprichst, dann geht es allen so, dass sie es lieben, in Amerika zu spielen.

MUM: Welche Bands hörst du denn am liebsten?

PG: Ich habe viele Favoriten, aber wenn du mich fragen würdest, mit wem ich am liebsten ein Festival oder so besetzen würde, dann wären die Top 3 Slipknot, Limp Bizkit und Korn. Ich habe Korn vor zwei Monaten gesehen, und sie waren großartig, wirklich phantastisch. Die hatten eine Power, dass man dachte, die Halle würde explodieren.

MUM: Habt ihr denn eigentlich noch Kontakt zu Nikkie?

PG: Ja, schon. Als wir angefangen haben, das neue Material zu erarbeiten, da war sie dabei, um hier und dort zu helfen. Sie singt auch auf den neuen Lords Of Acid-Stücken einige Backing-Vocals.

MUM: Aber die eigentliche Lords Of Acid-Sängerin ist Deborah, oder?

PG: Ja, das ist Deborah.

MUM: Ist denn eigentlich eine Tour hier geplant?

PG: Ja, im Herbst werden wir wohl in Deutschland spielen.

MUM: Würdest du sagen, dass Praga Khan in Europa erfolgreicher sind als Lords Of Acid?

PG: Ja, aber in Amerika ist das genau anders herum. Da ist es gut für uns, für die Lords Of Acid den Abend zu eröffnen, so spielt man vor mehr Leuten. Für mich ist das die verrückteste Sache überhaupt, weil ich meine eigene Vorgruppe bin. Es ist doch toll, wenn man nach Amerika gehen und dort ein anderes Projekt als Headliner nehmen kann.

MUM: Macht ihr eigentlich auch noch Remixe für andere Acts?

PG: Nein, das machen wir nicht mehr. Wir haben das früher oft getan, für White Zombie, Alice In Chains und viele andere, aber momentan sind wir wirklich rund um die Uhr mit unseren Songs beschäftigt.

MUM: Und wenn Korn nun durchklingeln und fragen würden?

PG: Dann würde ich die Zeit irgendwie finden, klar, das würde ich mir nicht entgehen lassen.

MUM: Danke für das Interview.

MUM: Mucke & Mehr
PG: Praga Khan alias Maurice Engelen

(Tobi)