HUMAN FLOW
Dokumentation
Regie:  Ai Weiwei
Dauer:  140 Minuten
FSK:  freigegeben ab 12 Jahren
Website:  humanflow-derfilm.de
Facebook:  facebook.com/humanflow.derfilm
 

Ai Weiwei hat schon einiges mitgemacht. 2011 wurde der Chinese nach Kritik an der Regierung und wirtschaftlichen Ungereimtheiten für ein paar Monate inhaftiert, danach nahm man ihm den Reisepass weg und der Künstler und Menschenrechtler durfte China bis 2015 nicht mehr verlassen. Und das, wo Ai Weiwei eine Gastprofessur an der Universität der Künste in Berlin antreten sollte, zudem in unserer Hauptstadt ein Atelier eröffnen wollte.

Ai Weiwei macht aber auch Filme und widmet sich in "Human Flow" nun Menschen, die auch viel mitgemacht haben bzw. die gerade noch in Ungewissheit umher ziehen, mit kaum etwas im Gepäck als Hoffnung - den Flüchtlingen, und zwar weltweit. In nicht weniger als 23 Ländern wurde hierfür gefilmt, mal beobachtend von außen, mal inmitten der Flüchtlinge, mal von der Drohne aus der Luft. Heraus gekommen ist eine epische Dokumentation, die in 140 Minuten etwas über die Hintergründe vermittelt, warum sich 65 Millionen Menschen in ungewollter Wanderschaft befinden - auf der Flucht vor Krieg, Unterdrückung, Misshandlungen, Hunger oder auch dem Klimawandel.

Vor allem aber gibt Ai Weiwei dem Ganzen ein Gesicht. Nein, ich meine nicht seines, mischte er sich doch hier und dort unter die Flüchtlinge, zog mit ihnen, schlief in Notzelten. Das wirkt zwar sympathisch, aber auch etwas befremdend, weil er ja jederzeit mit seinem Team wieder in die Geborgenheit abziehen kann, und in dieser Position fällt einem das Mitleiden natürlich etwas leichter. Die einzige hierbei aber richtig aufstoßende Szene ist die, in der Ai Weiwei einem Syrer den Passtausch anbietet - als wäre das Ganze so einfach.

Nein, auch wenn Ai Weiweis Gesicht hier prominent vertreten ist, gibt er der Flüchtlingsbewegung mehrere Gesichter durch die persönlichen Schicksale, über die man erfährt, ob nun in Afghanistan, Bangladesch, Frankreich, Griechenland, Deutschland, Irak, Israel, Italien, Kenia, Mexiko oder der Türkei gedreht wurde. Moment, was ist mit China? Dass Ai Weiwei nicht persönlich munter im Tibet herum läuft und über dessen Vereinnahmung durch China berichtet, was zur Flucht vieler Tibeter nach Indien geführt hat, ist verständlich, aber im Rahmen der 140 Minuten wäre es schon eine Randnotiz wert gewesen.

Der Skandinavier Niels Pagh Andersen hat aus 1000 Stunden Filmmaterial auf Weiweis Geheiß einen packenden Film zusammen geschnitten, der einem mittels bildgewaltiger Aufnahmen - angereichert mit Zitaten von verschiedenen Dichtern - das Gefühl gibt, auf dem Erdball hin und her geworfen zu werden, und immer trifft man auf Leid, aber auch auf Hoffnung. "Der Film beruht auf einem tiefen Glauben an den Wert der Menschenrechte. In diesen Zeiten der Unsicherheit brauchen wir mehr Toleranz, mehr Mitgefühl und mehr Vertrauen untereinander, weil wir alle Menschen sind. Wenn das nicht gelingt, wird die Menschheit mit einer noch viel größeren Krisensituation konfrontiert sein.", erklärt Ai Weiwei. Dieser hat einen wichtigen Film erschaffen, der einen etwas unwohl im gemütlichen Kinosessel sitzen lässt und bei dem man das Popcorn eher weglassen sollte, wenn man so viel Leid zu sehen bekommt.



Wertung: 8 von 10 Punkten

(Tobi)