CTS-MUM
BAD RELIGION (04/98)


Punk ist schon lange nicht mehr nur Musik für gröhlende Proleten. Bad Religion verbinden seit Jahren melodischen Punk mit gesellschaftskritischen Texten und sprechen sich gegen die Überbevölkerung, Zensur, Umweltverschmutzung und Bevormundung aus. Sänger und Texter Greg Graffin machte nebenbei Karriere als Dozent an einem amerikanischen Ivy-League College und hat beschlossen in die Politik einzusteigen und sieht das Weiße Haus bereits als seine zukünftige Wohnung. Mit 33 ist er nicht nur einer der führenden Wissenschaftler auf dem Gebiet der Evolutionsgeschichte, sondern auch einer der Väter des amerikanischen Punk. In den USA veröffentlichte er bei Atlantic sein Solo-Album "American Lesion", das ihn in eine Riege mit Songwritern wie Neil Young, Elvis Costello und Tom Waits befördert.

Was ist dran an den Grüchten, daß Du Präsident werden willst?

Das ist kein Gerücht, das ist wahr. Allerdings habe ich mir dazu ein weites Ziel gesteckt, in 20 Jahren möchte ich Präsident der USA sein. Ich glaube die Leute haben einfach die Schnauze voll von professionellen Lügnern in der Politik gezüchtet werden. In 20 Jahren bin ich 53, für einen Präsident ist das noch sehr jung. In den Medien ist die Politik der uninteressanteste Teil für die Leser, von daher habe ich den Vorteil, daß mich die Leute von der Bühne kennen, durch meine akademische Ausbildung bin ich für die Politik qualifiziert, außerdem bin ich ein ganz normaler Typ: ich gehe einkaufen, ich unterrichte, Leute kommen auf mich zu und fragen mich meine Meinung... Es wird einfach Zeit, daß echte Menschen Politik machen und nicht mehr nur korrupte Politiker. Die Uni die Politker besuchen bietet vor allem Kurse und Studiengänge wie "Wie bescheiße ich die Leute am besten" oder "Wie kriege ich die Öffentlichkeit dazu mir alles zu glauben?". Dazu kommt die Tatsache, daß die meisten Amerikaner ungebildet sind, was vielen Politikern zugute kommt. Das Bildungsniveau in Amerika muß sich heben, sonst segeln wir dem Untergang zu.

Glaubst Du nicht, daß Dich die Presse als Sänger einer Punkband attackieren wird?

Wir hatten schon einen schlechten Schauspieler als Präsidenten, weshalb denn dann nicht einen guten Sänger? Ich glaube wirklich, daß dieses mysteriöse Getue der Politiker den Leuten die Nerven raubt. Es gibt professionelle Clebrities zu denen auch Politiker zählen, die sind einfach unerreichbar, mit denen kann man nicht sprechen, sie hüllen sich in diese mysteriöse Aura - das tun auch viele Musiker, Bowie oder Prince zum Beispiel. Jemand der ein Land regiert sollte Ahnung davon haben wovon er spricht und nicht im Elfenbeinturm sitzen.

In Deinen Texten greifst Du aber gelegentlich auch knallhart an...

Ich provoziere gern, ich mache das im Klassenzimmer oder auf der Bühne. Blinder Glaube führt zu nichts, man muß hinterfragen. Man soll keinem glauben nur weil jemand eine Führungsposition hat. "Vertrauen" und "Gaube" sind überstrapazierte Worte, vor allem in der Politik und in der Religion. Wenn ich etwas behaupte, dann bedeutet das nicht, daß meine Meinung unumstößlich ist. Ich bin immer bereit zuzugeben, daß ich mich geirrt habe - wenn mir jemand den Beweis dafür bringen kann. Meine Fans sollen auch nicht alles glauben was ich singe, sondern hinterfragen. Wir sind keine Autorität und wollen auch keine sein. Ich gebe Ideen, Denkanstöße, die Beweise dafür muß sich jeder selbst suchen.

Du scheinst nicht viel von Vertrauen zu halten?

Vertrauen ist wichtig wenn es um Beziehungen geht, wenn ich meinem Partner oder meinen Freunden nicht Vertrauen kann, dann kann ich mich gleich erschießen, aber man sollte nicht jedem Vertrauen. Vor allem nicht Leuten die man nicht kennt und wer kennt schon Politiker oder religöse Führer? Man sollte niemanden glauben nur weil er prominent ist, man sollte ihnen zuhören und das gegen sie verwenden und dann hören was sie dazu zu sagen haben!

Glaubst Du, daß Punk schon den Zenit überschritten hat oder erst noch richtig populär werden wird?

Man sollte Musik nicht in Genres einordnen. Seit den 70ern wurde der Punk immer wieder totgesagt und in den letzten paar Jahren kam er doch wieder enorm hoch. Punk ist zu einer neuen Form der Folk-Musik geworden. Punk macht heute das was Dylan und Joan Baez in den 60ern machten. Punk ist nicht mehr die "No Future" Generation, sondern eine Bewegung die verändern will, eine massive Bewegung!

Ist es nicht sehr ungewöhnlich zugleich Lehrer und Sänger zu sein?

Ich habe ein wichtiges Talent, ich kann trockenen akademischen Stoff verständlich und interessant rüberbringen. Das mache ich im Klassenzimmer und das mache ich auf der Bühne, ich gebe Erfahrungen und Gedanken weiter, ich provoziere. Wo ich das mache, ob auf der Bühne oder in einem Klassenzimmer, ist eigentlich völlig egal, obwohl ich das akademische Leben gelegentlich schon vermisse. Aber das läuft mir nicht weg, als alter Knacker kann ich immer noch unterrichten, aber kaum noch über die Bühne toben.

Wie kam es zu Eurem Namen Bad Religion?

Als wir die Band gründeten waren wir alle gerade so 15 oder 16 und das Fernsehen war voll mit religiösen Predigern die drohend das Kreuz schwangen. In Californien gab es Bewegungen wie "die christlichen Surfer" und uns hing das einfach zum Hals heraus, daher auch der Name der Band.

Deine Art Texte zu schreiben hat sich aber in den letzten Jahren ebenfalls veraändert...

Ich bin älter geworden und sehe die Dinge nicht mehr nur schwarz und weiß, ich habe das Farbspektrum dazwischen entdeckt. Ich will die Leute wachrütteln, provozieren, aber ich will nicht der Vordenker sein. Blinder Glaube führt zu nichts, man muß hinterfragen. Wenn ich etwas behaupte, dann bedeutet das nicht, daß meine Meinung unumstößlich ist. Ich bin immer bereit zuzugeben, daß ich mich geirrt habe - wenn mir jemand den Beweis dafür bringen kann. Ich gebe Ideen, Denkanstöße, die Beweise dafür muß sich jeder selbst suchen. In einer Gesellschaft in der "Coolness" nicht so wichtig ist, würde das auch gut funktionieren, aber leider sind wir noch sehr weit davon entfernt.

Wie kam es eigentlich zum Duett mit Campino auf "No Substance"?

Wir sind alte Freunde und haben einfach mal lässig darüber gesprochen vielleicht auch zusammen zu arbeiten, wir haben das ja schon mal mit Eddie Vedder gemacht. Der Song "Raise Your Voice" paßte recht gut und Campino wollte auch mitmachen. Das ist eigentlich alles, keine große Sache, für mich ist das eine der Annehmlichkeiten ein kreativer Künstler zu sein, es ist ein toll mit Freunden zusammen zu arbeiten.

Wieso habt Ihr das neue Album "No Substance" genannt? Eure Songs haben doch durchaus Substanz...

Das ist nicht auf unsere Musik bezogen, sondern um die Themen mit denen wir uns auf dem Album beschäftigt haben, die Konzentration auf Äußerlichkeiten, auf Mode, auf die Scheinwelt des Internets, auf Dinge eben die keine wahre Substanz haben. Es beschäftigt sich damit, wie unsere Gesellschaft ziellos dahintreibt und immer unmenschlicher und oberflächlicher wird. Mode und Trends haben die inneren Werte ersetzt. Der Anstieg der kosmetischen Chirurgie ist für mich ein typischer Indikator dafür. Menschen radieren ihr wahres Gesicht, ihre Persönlichkeit und Individualität, aus um zu Barbie-Imitaten zu werden. Unsere Gesellschaft legt zuviel Wert auf Oberflächlichkeit. Es ist durchaus legitim sich an Schönheit und Ästhetik zu erfreuen, aber Jugend und glatte Haut sind die Götzen der breiten Masse geworden, welcher Platz bleibt für Persönlichkeit, Bildung, Intellekt? Das sind die Fragen mit denen wir uns auf 'No Substance' beschäftigt haben.

(Gaby)