CTS-MUM
LOTTE OHM (08/98)


Hinter dem Pseudonym Lotte Ohm verbirgt sich Vincent Wilkie, laut Label ein Produktions-, Song- und Samplegenie. "Na das klingt doch etwas hochgestochen" mag man denken, jedoch überzeugt einen seine erstes beim Major WEA erscheinendes Album "Das Ohmsche Gesetz" (das zweite insgesamt) davon, daß hier wirklich etwas anderes geboten wird als beim Einheitsbrei der Charts, auf die Vincent sicher nicht unbedingt abzielt. Die Songs sind gut, vor allem interessant und intelligent gemacht, jedoch teilweise zu abstrakt, um sofort ins Ohr zu gehen. Trotzdem ist man irgendwie fasziniert und nach mehrmaligem Hören kann man sich dem musikalischen Charme von Lotte Ohm kaum noch entziehen. Ein Album, das man schlecht erklären kann, man muß es schon selbst hören. Was sagt Lotte alias Vincent dazu?

MUM: Erstmal eine doofe Frage, die Dir sicher jeder stellt! Warum nennt sich ein schniedeltragendes Wesen Lotte, und warum Ohm???

LO: Doof ist die Frage gar nicht mal, letztlich ist der Name Lotte Ohm einfach ein doppeltes Spiel mit Worten und ihrem Klang. Der Name klingt gut und ist leicht einprägsam, das Ohm erinnert an Physik - Technik - Elektronik - Elektronische Musik., während das Wechselspiel "weiblicher Name, männlicher Interpret" nicht nur witzig und auffällig ist, sondern vielleicht ein ganz klein bißchen auch zur hoffentlich baldigen Aufhebung althergebrachter Geschlechterrollen etc. beitragen darf.

MUM: Deine neue CD gefällt mir richtig gut und ich habe Ihr volle Punktzahl verabreicht. Bist Du gerührt?

LO: Zutiefst.

MUM: Du jonglierst ja zwischen Pop, Rock, HipHop, Elektro und Avantgarde, jedenfalls habe ich das so zu beschreiben versucht. Wir würdest Du selbst jemandem Deine Musik definieren?

LO: Ich denke mal, daß Deine Beschreibung schon sehr gut und nah an der Wirklichkeit ist. Ich versuche eben, klassische Songwritertradition mit den Mitteln der 90er-Jahre umzusetzen, was ja an sich nichts Neues ist, so haben schon die Beatles, auf die 60er bezogen, gearbeitet, so schreibt auch Paul Weller seine Songs. Mein Ansatz ist eben eher der, scheinbar Gegensätzliches zu kombinieren, Yin und Yang eben.

MUM: Deine Songs sind einfallsreich und interessant. Was ist Dir wichtig, wenn Du an einem neuen Track arbeitest?

LO: Erstmal danke für das Lob. Ich habe eine relativ kurze Geduldsspanne und wünsche mir beim Hören von Popmusik oft, daß etwas Unerwartetes, Überraschendes geschehen möge. Das versuche ich natürlich in meinen eigenen Aufnahmen umzusetzen. Wichtig ist mir, daß man nicht unbedingt sofort Vergleiche zu schon bestehenden Songs ziehen kann.

MUM: Wie gehst Du ran an Deine Stücke, improvisierst Du, steht zuerst der Text oder hast Du eine musikalische Idee und baust darauf auf?

LO: Das ist ganz unterschiedlich. "Tintenfisch" oder "Glühende Asche im Auge" sind als Text an der Schreibmaschine entstanden, die Musik erst im nachhinein. "Besserwisser" und "Empfehlungsschreiben" sind natürlich klassische Gitarrensongs, für's postmoderne Lagerfeuer. Bei anderen Stücken entsteht zuerst ein Groove, manchmal an erster Stelle eine kleine Keyboardmelodie oder ein Sample.

MUM: Was sollen Deine Texte aussagen?

LO: Da möchte ich mich auf keine Interpretation, wie man sie aus dem Deutschunterricht kennt, festlegen. Es gibt zahlreiche Bedeutungsebenen, nicht nur meine Meinung zählt, sondern vielmehr die des Hörers bzw. Lesers, denn der muß diesen Text ja auf sein eigenes Leben und Umfeld beziehen, um mit ihm etwas anfangen zu können.

MUM: Wie kamst Du darauf, einige megalange Songtitel zu verwenden, die an sich schon einen Lacher wert sind?

LO: Die sind mir eben so eingefallen und brachten mich zum Lachen. Und was mich zum Lachen bringt, kann ja so schlecht denn nicht sein.

MUM: Was fasziniert Dich an Steven Spielberg, daß Du ihm seine eigenen Memoiren widmest?

LO: Spielberg ist nicht wirklich als Person gemeint, sondern steht als Metapher oder Symbol für den großen Hollywoodfilm an sich, denn er ist eben einer der wenigen, wenn nicht gar der einzige, der in allen Bereichen dieses Kulturzweigs erfolgreich tätig gewesen ist, vom schnuffeligen Kinderfilm - "E.T." - über Science Fiction - "Unheimliche Begegnung...", Psychothriller - "Duell", den klassischen amerikanischen Abenteuerfilm - "Indiana Jones" - bis hin zum Feminismus - "Die Farbe Lila" - und zur Geschichtsaufarbeitung - "Schindlers Liste". Zum einen eine große Leistung, die ich bewundere, zum anderen, wie gesagt, symbolhaft für die Filmindustrie an und für sich.

MUM: Hast Du einen Lieblingstrack auf der Scheibe? Ähm, falls ja, welcher ist es?

LO: Gute Frage. Eigentlich mag ich, je nach Laune, alle Songs am meisten.

MUM: Wen willst Du mit dieser wilden Mixtur aus verschiedenen Stilen erreichen außer ein paar Intellektuelle wie mich (ha, ha)???

LO: Vielleicht ein paar Intellektuelle wie mich?

MUM: Welche Bands hörst Du privat am liebsten?

LO: Das kommt ganz auf meine Tagesform an. Momentan sind das Fünf Sterne Deluxe, Money Mark, Beastie Boys, alte Lee Perry-Scheiben oder die Walker Brothers.

MUM: Nenn bitte Deine drei Lieblingsscheiben aller Zeiten.

LO: The Beatles - "Revolver", Frank Zappa - "The Yellow Shark" und Noto Rioty - "Diving Deep Into Big Music".

MUM: Wann kommst Du auf Tour?

LO: Live zu sehen bin ich mit meiner Band auf der Popkomm, am 14.8. auf der WOM-Bühne, und dann vom 3. bis zum 20.9. quer durch die Republik.

MUM: Wem würdest Du gerne mal begegnen, und warum?

LO: Am liebsten Nick Drake, einfach, um ihm zu sagen, daß ich seine Musik liebe und er nicht an der Welt verzweifeln soll.

MUM: Ich hatte früher eine Tante Lotte, aber die mochte ich nicht so. Die einzigen Sachen, die ich von Ihr geerbt habe, waren ein Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel und ihr alter Reisepaß. Ist das interessant?

LO: Das ist nicht nur interessant, das ist klasse.

MUM: Danke für das Interview.

(Tobi)