CTS-MUM
METALLICA (04/98)


Metallica braucht man ja eigentlich kaum jemandem noch vorzustellen. James Hetfield (Gitarre + Gesang), Lars Ulrich (Drums), Jason Newsted (Bass) und Kirk Hammett (Gitarre) sind bereits seit 16 Jahren im Geschäft und landeten diverse Hits wie "Enter Sandman", "Until It Sleeps", oder "Nothing Else Matters", wußten hierbei nicht nur die langhaarigen Heavy-Zottels zu überzeugen, sondern die breite (sprich: besoffene) Masse. Ihre Songs heben sich durch gute Strukturen und Ideen, tollen Sound, prima Gesang, Melodik und einem richtigen Level an Härte von den meisten Metal-Acts ab.

Nach ihrem Album "Load" aus dem Jahre 1996 folgte nur ein Jahr später, Ende 1997, "Reload", welches nicht zufällig oder aus Phantasieschwund so betitelt ist, wie zu lesen sein wird. Und da an ein Metallica-Interview nicht zu denken ist, klemmte sich Geheimagent Tobi nun also so lange dahinter, bis er sich wenigstens angeregt mit einer zugesandten Presse-Interview-CD unterhalten konnte. Auszüge dieser CD möchten wir Euch natürlich nicht vorenthalten.

Die Geschichte hinter "Reload" ist schnell erzählt. "In der Vergangenheit schrieben wir die besten Songs für ein Album in einer kraftvollen Phase zu Beginn des Songwritings, und nach zehn oder elf Titeln wurde alles etwas langweiliger und kraftloser. Diesmal aber war Song 15 immernoch genauso aufregend wie Nummer 2, und wir schrieben weiter und weiter, verpaßten dabei schon fast unseren zeitlichen Rahmen, das waren sechs Monate. Im Frühling 1995 begannen wir dann, das ganze Material aufzunehmen, mit der Idee, das sechste Metallica-Album zu einem Doppelalbum zu machen." Doch zeitlich hatten sie sich hier etwas verkalkuliert, hatte man doch für die Lollapalooza-Festivals fest zugesagt. "Nach acht oder neun Monaten im Studio, in denen wir versuchten, die nahezu 30 Songs aufzunehmen, entschieden wir uns dafür, das Material doch auf zwei Platten zu packen und erst einmal mit der ersten aus dem Studio zu kommen und auf Tour zu gehen. Als wir dann wieder an die Songs herangingen für Reload, da besaßen sie für uns immer noch dieselbe Energie und denselben Reiz wie zuvor."

Also marschierten die vier Jungs im Juli 1997 wieder ins Plant Studio, diesmal lediglich für ein Vierteljährchen. "Die Drums und all die Vorproduktion wurden bereits mit der Load-Session erledigt, so daß wir nach der Load-Tour nur noch die verschiedenen Teile zueinander fügen mußten." Keinesfalls jedoch hört man auf "Reload" die schlechteren Tracks der Songwriting-Session. "Ich war schon damals felsenfest davon überzeugt, daß wir zwei in sich geschlossene Platten hatten, aber kein A- oder B-Album. Es waren einfach zwei absolut gleichwertige Alben, die bei den gleichen Songwriting- und Studio-Phasen entstanden. Wir haben 27 Songs geschrieben und wir haben 27 Songs aufgenommen."

Mit dem letzten Album, dem Nachfolger des wahnsinnig erfolgreichen "Metallica"-Albums, hatte man auch wieder Erfolge feiern können. "Load" hatte allerdings einige Zeit gebraucht, um sich richtig in die Herzen der Fans zu spielen. "Ich hatte erwartet, daß die Leute etwas brauchen würden, um sich in Load hereinzuhören. Auf der Tour spielten wir dann auch einige neue Stücke zusammen mit vielen alten. Es hat eine Weile gedauert, bis die Platte richtig angenommen wurde. Jetzt, 16 Monate nach der Veröffentlichung, ist sie immer noch in den Charts, und Radiostationen spielen viele der Songs des Albums, sogar die langen Stück, ja sogar solchen, für die wir nicht beworben haben als Radiostücke. Die Songs sind live hervorragend angekommen, sie sind auch wieder etwas straighter, rockiger als die letzten, strukturell vielleicht eher an frühere Sachen erinnernd. Selbst unser Live-Mixer, der uns schon seit Jahren begleitet, war völlig begeistert von unserem momentanen Sound, und das soll schon etwas heißen. Ich denke, so würden Black Sabbath klingen, wenn sie noch zusammen wären, im Oktober 1997 und mit all der Technik, die wir zur Verfügung haben. Für mich ist das der beste Sound, den wir bisher hinbekommen haben."

Da standen sie also wieder im Studio und gingen an die bereits geschriebenen Stücke heran. James: "Ich kam ins Studio und hörte Kirk, wie er völlig neue Licks auf der Rhythmusgitarre spielte, und ich dachte mir: 'tja, die Dinge ändern sich wohl, aber warum soll man sie nicht einfach laufen lassen'. Ich habe überlegt, was wohl passiert, wenn ich einfach mitmache und dabei versuche, meine Energie positiver einzusetzen, damit wirklich etwas Komplexes entsteht. Von diesem Zeitpunkt an hatten wir weniger Streß und konnten uns mehr um die kreativen Ideen kümmern." Klar war, daß man auch an den bereits teilweise vorliegenden Tracks noch feilen wollte. "Man muß sich richtig auf jeden einzelnen Song konzentrieren. Dieser Song ist genau so lang, wir verwenden den und den Gitarrensound, die und die Technik, er wird so und so abgemischt, so soll er klingen und so nicht - und das dann bei jedem Song, immer daran feilen."

Auch wenn man an "Load" anknüpfte, so war "Reload" doch mehr als ein Aufguß. "Diese Songs sind die Reste der Load-Kompositionen, vielleicht die etwas extremeren Stücke, etwas härter, etwas schneller, das hat viel Spaß gemacht. Ich denke, Reload ist sehr viel lebendiger geworden als Load. Wir wollten völlig andere Gitarrensounds haben auf dieser Scheibe, viel experimentieren. Es ist immer unser Ziel, ein Album zu machen, das anders klingt als das letzte."

Jeder der vier Musiker hatte so neuen Spaß an der Arbeit. James: "Wir sind weiter ausgebrochen aus unseren bisherigen Strukturen, instrumental und im Gesang. Wir haben Sachen versucht, die wir nie zuvor probiert hatten. Ich habe Texte gesungen, die anders waren, wir haben auch mit verschiedenen Sounds experimentiert und dann geschaut, wohin uns das führt. Das ist nicht so einfach, wie es klingen mag. Man muß das richtige Feeling bekommen, dann ist man auf dem richtigen Weg."

Nimmt man denn etwas von der Tour wieder mit ins Studio? "Wir versuchen, das tolle Gefühl, vor vielen Leuten auf der Bühne zu spielen, bis ins Studio zu konservieren. Trotzdem klingt Studiomaterial nicht so wie live, wo wir alles rauslassen, wie es kommt. Wir gehen auch nicht ins Studio und denken bei den Aufnahmen daran, wie die Tracks live klingen werden. Wir machen dort unsere Arbeit, so gut wir können, und irgendwann gehen wir dann auf Tour, und da stehen dann nur wir vier Kerle auf der Bühne und versuchen, den Sound der Studiotracks so gut wie möglich herüberzubringen."

Metallica ist auch keine der Bands, die eine Tour nur als Promotion für ein aktuelles Album ansehen. "Ich mag das immer nicht, wenn Bands nur alle neuen Albumtracks live spielen und wenig anderes. Ich will als Zuschauer das sehen, was die Band in ihrer Karriere geschaffen hat. Und je mehr Alben es werden, umso schwerer wird es auch, ein richtiges Set zusammenzustellen. Es gibt viele alte Songs, die prima mit hereinpassen. Neue Songs zu spielen fühlt sich sowieso immer merkwürdig an zu Beginn, aber bald schon gehören ja auch sie zu den alten Songs."

Hat sich denn die Arbeitsweise der Jungs nach einer so langen Zeit im Musikbusiness verändert? "Unsere Arbeitsweise hat sich nicht wirklich verändert in den 16 Jahren, die wir Musik zusammen machen. Lars und ich sitzen da und hören uns Tapes mit Riffs an und schauen, welche uns gefallen. Einige dieser Reload-Tracks trugen wir schon zwei Jahre mit uns herum, bevor wir sie richtig auf Papier gebracht haben, auch auf der Load-Tour. Jeder von uns macht sich hier und dort Notizen zu Tracks für kommende Songs. Wir hatten einige unterschiedliche Ideen zu den einzelnen Tracks, als wir wieder im Studio angekommen waren. Es ist dann spannend, zu sehen, wie diese Teile zusammenpassen."

Die Teile passten gut zusammen, "Reload" ist wieder ein gelungenes Album, und ihren Fans boten sie immer Material, das sie überzeugt hat, keine Füll-Songs, um ein Album zu komplettieren. "Wir stehen hinter allem, was wir tun, darum tun wir es ja. Du mußt schon glaubwürdig sein. Wir sind Perfektionisten, die nie so einfach zufrieden sind, wir sind unsere größten Kritiker."

Das Schlußwort gehört Lars: "So lange eine Band musikalische Vision hat und die auch umsetzt, ist alles andere irrelevant. Es ist vollkommen unwichtig, was die Leute darüber denken, wie wir aussehen, was wir anziehen oder sagen. Es ist egal, was sie von den Albumcovern oder den Fotos halten und absolut bedeutungslos, was wir eben von uns gegeben haben."

(Tobi)