CTS-MUM
THE VERVE (08/98)


The Verve, vor allem ihr Sänger Richard Ashcroft, zieren inzwischen nicht nur in England sondern weltweit die Titelblätter. Die Engländer haben den vehungert aussehenden Knaben, mit den Lippen die Steve Tyler und Mick Jagger vor Neid erblassen lassen, inzwischen sogar zu ihrem neuen Sexsymbol ernannt, gemessen an der Attraktivität der Royals ist das vielleicht gar nicht so abwegig. Momentan sind sie die Neuentdeckung der britischen Szene, dabei sind sie eigenlich gar nicht mehr so neu, sie hatten mit History bereits einen Hit, haben sich aber 1995 aufgelöst, weil sich die beiden Haupt-Songwriter, Sänger Richard und Gitarist Nick McCabe, nicht mehr riechen konnten und dabei waren sie kurz davor Ihren Kumpels von Oasis die Show zu stehlen, aber das holen sie jetzt nach.

"Ich habe 'History' zwei Tage nach unserem offiziellen Split zum ersten Mal im Radio gehört, als ich im Urlaub war und von Cornwall aus aufs Meer starrte. Das war irgendwie bewegend. Wir sind nach der Auflösung alle irgendwie nur herumgehängt. 2 Jahre haben wir irgenwie alle versucht was auf die Beine zu stellen, aber nichts hat geklappt. Ich glaube ich bin in den 2 Jahren in denen wir getrennt waren einfach erwachsener und reifer geworden. Ich habe viele Erfahrungen gesammelt, habe einiges durchgemacht und wie ich hoffe auch daraus gelernt. Hinterher ist es natürlich immer leicht zu sagen 'Ich hätte das und das machen sollen und das nicht...", klar, hinterher ist man immer klüger, aber es ist auch wichtig seine Fehler im nachhinein zu betrachten und daraus zu lernen. Beim nächsten Mal lassen sie sich dann hoffentlich vermeiden! Eigentlich habe ich erst durch die Trennung wirklich festgestellt wie ich an der Band hänge, wie wichtig sie für mich ist und wie wichtig es einfach für mich ist Musik zu machen! Ich glaube wir sind klüger geworden und ich bin selbst der größte Fan von Verve. Wir arbeiten sogar schon am nächsten Album, ich schleppe ständig ein Diktiergerät mit mir herum um Songideen mit aufzunehmen."

The Verve fanden sich Anfang der 90er im englischen Wigan, in der Grafschaft Lancaster zusammen und Ashcroft rekrutierte noch als Teenager seine Klassenkameraden Simon Jones (Bass), Peter Salisbury (Drums) und schließlich den Gitaristen und Co-Songwriter Nick McCabe. Das Quartett hatte bereits damals schon soviel von der oft zitierten Magie, daß sie nach nur wenigen Auftritten einen Plattenvertrag in der Tasche hatten und zwei Alben veröffentlichten. Als Reibereien zwischen Nick und Richard einfach zu stark wurden, beschloß man sich zu trennen und beide mußten in der Trennungsphase feststellen, daß sie einander brauchten um gute Songs zu schreiben. Richard schluckte seinen Stolz und kontaktierte Nick. Der Beweis wie gut ihre Zusammenarbeit nun klappt, haben sie mit dem überragenden Album "Urban Hymns" abgeliefert. Richard, der das absolute Händchen für gelungene Texte hat, haßte es aber über seine Texte zu sprechen und Erklärungen muß man ihm fast abbetteln!

"Bittersweet Symphonie spiegelt irgendwie alle Facetten von Verrückten wieder. Was ich so denke, was ich über den Tod denke, oder über die Liebe, oder... was auch immer, einfach irgendwie alles. Ich weiß auch nicht, wenn ich einen Songtext schreibe, dann passiert das, es flutscht aus mir heraus, das ist völlig natürlich und normal für mich. Nur wenn ich den Text dann analysiere, dann wird es sonderbar und unnatürlich, einfach ein komisches Gefühl für mich. Ich versuche alles zu straffen, einfach viel hinein zu packen. Ich habe immer das Gefühl das Leben sei zu kurz und man muß möglichst viel hinein packen, deshalb versuche ich auch in meinen Texten so viel wie möglich auszudrücken. Das ist auch so mit 'The Drugs Don't Work', da geht es nicht nur um illegale Drogen, auch Liebe kann zur Sucht werden, aber eigentlich weiß ich es selbst nicht so genau was ich damit ausdrücken will.... Ich erinnere mich an das Gefühl das ich hatte als ich den Song schrieb, aber das Gefühl teilt nicht jeder. Weißt Du, irgendwie ist das doch auch das Schöne an einem Song, daß jeder sein eigenes Gefühl dabei hat. Jeder der einen Song hört hat dabei andere Gefühle und jedem gehört dann ein Stück von dem Song und das ist klasse!"

The Verve sondern sich auch von anderen Bands schon allein durch die Tatsache ab, daß sie die Kontrolle über alles was die Band betrifft in den eigenen Händen halten, ob das nun Videos oder das Cover-Design ihrer Alben angeht.

"Wir kennen die Leute die das für uns machen einfach schon lange und vertrauen ihnen, sie liegen auf der gleichen Linie wie wir. Für uns ist eben auch das ganze 'Drum-Herum' wichtig, wie ein Cover aussieht, was in einem Video passiert... Es geht dabei um Verständigung, das sind doch auch wir als Band, da steht unser Name drauf, das repräsentiert uns, also sind das wir und also wollen wir auch, daß das Leute machen denen wir restlos vertrauen und auf die wir uns verlassen können. Wo wir einfach wissen, daß sie das in unserem Sinne erledigen und nicht versuchen uns irgendwelche abartigen und trendigen Ideen aufzuhängen. Ich sehe das Ganzes, als eine Einheit und ich finde es hat auch etwas unheimlich befriedigendes wenn Du ein Cover siehst und weißt, daß Du selbst daran beteildigt warst, da steckt ein Stück Deiner Arbeit drin, so wie in der Musik ein Stück von Dir selbst steckt!"

Kein Wunder, daß sie fast zu beschäftigt sind um Interviews zu geben. Die Pressescheu von The Verve ist schon fast sprichwörtlich, doch Richard Ashcroft differenziert enschieden zwischen den Begriffen 'pressescheu' und 'menschenscheu':

"Ich treffe ständig Leute und ich glaube darum dreht sich im Leben doch auch alles, Menschen zu treffen und kennen zu lernen, aber der Medienrummel macht mich einfach krank. Ich mag einfach nicht zu Leuten nett sein nur weil sie im Business arbeiten, das ist doch doof, die Vorstellung, daß wir alle Freunde sein sollen und der ganze Käse. Wenn Du in einer Wohnung lebst, dann bist Du doch auch nicht automatisch mit allen Deinen Nachbarn befreundet nur weil sie im gleichen Block wohnen! Im Musikbusiness wird auch einfach viel zu viel von den Marketingleuten beeinflußt, obwohl ich glaube, daß Marketing nicht alles ist, damit kannst Du vielleicht mal einen schwachen Song puschen, aber auf Dauer läuft das nicht. Auf die Dauer setzt sich echte Musik durch, gute Musik ist wie ein Feuer, das brennt einfach lichterloh! Wir lassen uns nicht von Marketingleuten erzählen welchen Song wir veröffentlichen, wir wollen nicht Songs veröffentlichen die sich gut verkaufen, sondern Songs and die wir glauben, bei denen wir uns freuen wenn sie im Radio laufen und wir sie hören! Songs die uns etwas bedeuten und die vielleicht auch denen etwas bedeuten, die sie hören!"

(Gaby)